Eine Woche in Japan: im Land der aufgehenden Sonne
Endlich hab auch ich es geschafft: drei Jahre nach der dreijährigen Japanisch-Lerneinheit stand ein Trip nach Yokohama an, wo ein sogenannter internationaler ‚summer lecture course’ über Immunologie statt finden sollte. Genau das Richtige für mich: ein Kurs, in dem ich noch jede Menge lernen kann, und das auch noch in Japan, das Land, das sich einer Erkundung durch uns immer durch massive Differenzen zwischen dem einzuplanenden Budget und unserem Kontostand entzogen hat. Und das Allerbeste an der ganzen Geschichte: das einladende Institut organisiert und bezahlt alles: das Flugticket, das Hotel, die öffentlichen Verkehrsmittel usw. Aber der Reihe nach.
Am letzten Sonntag finde ich mich in aller Herrgottsfrühe zusammen mit drei anderen WEHI Leuten am Flughafen ein, um in das Abenteuer Japan zu starten. Qantas bringt uns in einem 10-stündigen Flug sicher nach Narita, dem internationalen Flughafen von Tokyo. Während des Fluges registriere ich, dass es tatsächlich in den fernen Osten geht. Es gibt neben Messer und Gabel auch Stäbchen fürs Essen, japanisches Bier und grünen Tee. Da mich grüner Tee ja noch nie so richtig überzeugen konnte, entscheide ich mich zum Nachtisch für die Figur-freundlichere heisse Schokolade, in der nach australischer Manier ein Marshmallow schwimmt. Na dann Kanpai.
In Narita angekommen erscheint zunächst erstmal alles ganz normal. Wir finden auf Anhieb einen Geldautomaten, der uns japanische Yen beschert, und den richtigen Zug nach Yokohama, so dass wir nach 2 weiteren Stunden endlich da sind. Da wir den Äquator überquert haben, kommen wir australischen Winterhasen in den Genuss von Sommer und Wärme. Sogar am Abend um 22 Uhr sind es noch mindestens 30 Grad bei einer verdammt hohen Luftfeuchtigkeit. Puh. Das kann ja heiter werden. Im Hotel angekommen, werde ich zunächst ein bisschen klaustrophobisch: Neben mir und meiner Tasche passt nichts und niemand mehr ins Zimmer. Was solls, bin ja nicht hier, um meine Stunden im Zimmerchen zu fristen. Ein erstes echtes Highlight ist die Toilette. Wo zum Teufel gibt’s schon Toiletten, für die man zuerst eine Bedienungsanweisung lesen muss?! Ist aber durchaus sinnvoll, denn wer will schon einen beheizten Toilettensitz, wenn es draussen über 30 Grad warm ist?! In diesem Fall würde ich gerne im Winter wiederkommen um zu untersuchen, ob der Einfluss von beheizbaren Toilettensitzen auf die Lebensqualität statistisch signifikant ist...Für heute Abend reichts dann erstmal mit neuen Entdeckungen, ich gehe lieber ins Bett, denn morgen geht’s ja schon los mit den Vorlesungen. Ausserdem habe ich mir eine Erkältung eingefangen, die ich lieber auskurieren will, denn in einem Land, in welchem dessen Bewohner niessen und schnäuzen eklig finden (und dieses allenfalls im Bad bei laufender Toilettenspülung tun um die lieben Mitmenschen nicht zu verärgern) kann eine Erkältung ganz schön peinlich werden. Sei´s drum, in diesem Fall kann ich es nicht ändern.
Am nächsten Tag geht’s erstmal zum Frühstück. Beschwingt wollen wir uns der japanischen Lebensweise anpassen, und essen erstmal Reis und Misosuppe. Hm, ganz okay, aber doch nicht das wahre fürs Frühstück. Also am nächsten Morgen lieber das Rührei. Aber wie soll man halbflüssiges Rührei mit Stäbchen essen?! Jetzt haben wir eine erste Idee, warum Japaner so schlank sind: Dieses Hantieren mit den Stäbchen ist doch irgendwie ein bisschen unpraktisch, und man KANN gar nicht soviel essen, weil man EWIG dafür brauchen würde.
Im Hotel sind auch alle anderen 36 Teilnehmer des Kurses einquatiert, und nach dem Frühstück sammeln wir uns in der Lobby. Hübsch ordentlich werden wir ‚Jungwissenschaftler’ (so stehts in der Ausschreibung) in Gruppen eingeteilt, an die Hand genommen und Aufsicht unserer japanischen Gastgeber erst zur Bushaltestelle geführt (ganze 150m vom Hotel entfernt), in den richtigen Bus gesetzt und dann am RIKEN Institut abgeliefert. Seeeeehr organisiert, und seeeeehr nett wenn man sich um nichts kümmern muss. Am Institut angekommen, bekommen wir auch gleich noch exakt 6350 Yen bar in die Hand gedrückt, damit wir unsere Busfahrt in den nächsten Tagen auch bezahlen können. Mir gefällt das ‚Jungwissenschaftler-Leben’ ziemlich gut!
Das RIKEN Yokohama Institut
Das WEHI Team: Adele, Linda, Kylie, Sandro, Clare
Dann geht’s los...gleich von der ersten Vorlesung bin ich mittelmässig überfordert, habe ich mich doch bisher einigermassen erfolgreich vor der Immunologie gedrückt. Aber man wächst ja bekanntlich mit seinen Anforderungen. Der zweite Vortrag ist auch schon viel spannender (oder nur entspannender, weil ich zur Abwechslung schon mal von dem Thema gehört habe?!). Nach dem leckeren aber anstrengenden Mittagessen (schon mal versucht, Nudelsuppe mit Stäbchen zu essen ohne zu schlürfen wie ein Ferkel - was zwar in Japan quasi zum guten Ton gehört, für mich als Durchschnitts-Europäer aber trotzdem unter aller Kanone ist) gibt’s noch mehr Vorlesungen, und dann das welcome dinner. Als ob die Gastgeber nicht schon genug für uns organisiert (und bezahlt) hätten...Wir werden wieder in der Lobby abgeholt und zum 147 m entfernt und gleich neben der schon bekannten Bushaltestelle gelegenen Restaurant geführt. Man tut in Japan offensichtlich alles für seine Gäste. Bin schwer beeindruckt.
Das Welcome Dinner in einem traditionellen Japanischen Restaurant
Wenn das nicht lecker aussieht (ich finde man kann die Omega-3-Fettsäuren förmlich sehen!)
Das Essen ist fantastisch. Das Sashimi ist vielleicht das Beste, was ich jemals hatte. Ausserdem gibt es jede Menge Krebse, die es mit den Stäbchen zu knacken gilt. Sehr unterhaltsam, und sehr lecker wenn man erstmal das Krebsfleisch erfolgreich aus den Scheren (oder wie das bei Krebsen heisst) gepult hat. Zwischendurch gibt es ein paar Runden Sake, und ich kann das alles gar nicht so richtig fassen. Die anderen Teilnehmer aus aller Herren Länder sind alle nett und lustig, und die Woche verspricht grossartig zu werden. Nach ein paar Stunden ist das Dinner vorbei. Die japanische Höflichkeit verbietet wohl ein klares ‚das war’s für heute – die Party ist vorbei’, denn man verweist lieber auf den anstrengenden nächsten Tag, und überlässt das auch noch einen invited speaker aus Holland. Wir verstehen das Aufbruchsignal dennoch und gehen (ganz alleine und ohne Aufsicht) – wir finden schon noch eine Bar für einen Absacker. Wir gehen nicht in die Happiness Bar, deren Name zwar unserem derzeitigen Gemütszustand entspricht, uns aber ein bisschen anrüchig erscheint, sondern in eine kleine Spilunke in der zweiten Etage. Erfahrungsgemäss sind ja die versteckten Bars die besten. An der Bar sitzt ein einsamer Einheimischer, der wohl auf einen ruhigen Abend mit der Barkeeperin gehofft hatte. Pech gehabt, jetzt kommen die Jungwissenschaftler. Und wie soll es schon anders sein, ein weiteres Klischee über die Japaner wird erfüllt: Nach etwa 10 Minuten schlägt die Barkeeperin vor, wir könnten doch eine Karaoke Runde einlegen. Zuerst zieren wir uns, aber dann ergreift Sandro das Mikrofon und schmettert erst schüchtern, dann aus vollem Hals die klassichen 99 Luftballons. Dann gibt’s noch die ‚Kylie Minogue – I should be so lucky lucky lucky lucky’ Einheit für die australische Fraktion unter uns, und eine ‚stand by me’ Einheit für uns alle, bevor wir die Segel streichen und uns ins Hotel trollen – die Woche ist ja noch lang!
Voll in Action: Karaoke
Auch die nächsten Tage sind ähnlich aufregend. Die Vorlesungen sind alle klasse, wir sehen grossartige Aufnahmen von der Thymusentwicklung, und hören alles über Immunologie was man sich nur vorstellen kann. Die Vortragenden sind alle große Namen von großen Universitäten, und ich bin überzeugt, dass der eine oder andere von Ihnen eines Tages den Nobelpreis erhalten wird. Wissenschaft kann ja soooo spannend sein – besonders dann, wenn man nur zuhören braucht und sie nicht selber betreiben muss. Fühle mich wie ein ganz schön kleines Licht und hoffe, dass die Inspiration zu wirklich grossen Taten nicht mehr so lange auf sich warten lässt.
Unsere Abende verbringen wir in Yokohama und Tokyo, um so viel wie möglich zu sehen und zu erleben. Die Karaoke Bar vom ersten Abend wird für die ganze Woche unser zweites Zuhause, denn Sake trinken und Karaoke vor dem Schlafen gehen sind viel besser als im Miniatur-Zimmer für Zwerge zu sitzen.
Das wohl sonderbarste Ereignis in dieser Woche war ein kleines Erdbeben, dass die Umgebung um Tokyo am Donnerstagnachmittag ein bisschen zum Schwanken gebracht hat. Es war tatsächlich nur ein ganz kleines, ein Erdbebchen sozusagen, und der Vortragende (Japaner seines Zeichens, und nicht aus der Ruhe zu bringen), hat nicht mal aufgehört zu sprechen. Erst als alle nicht-Japaner, und damit alle menschlichen Wesen, die nicht dreimal pro Woche etwas derartiges erleben ein fragend umher blicken wird einem der Organisatoren klar, dass wir keine Ahnung haben, was los ist. Er lächelt milde und ruft 'relax guys - it's just a small one'. 'A small what' frage ich mich, und der amerikanische Kollege vor mir fragt, ob jemand das falsche Experiment im Labor unter uns gemacht habe. Tatsächlich ist nach einigen Sekunden alles vorbei, und nichts ist passiert. Trotzdem frage ich mich, ob ich mich jemals an sowas gewöhnen könnte...
Leider ist die Woche viel zu schnell rum, aber bevor es nach Hause geht, ist am Freitag Mittag noch organisiertes sightseeing angesagt. Wieder opfern sich Wissenschaftler vom RIKEN, um uns in mehr oder weniger grossen Kolonnen durch die Wirren Tokyos zu lotsen. Am Samstag und Sonntag sind wir dann aber auf uns allein gestellt, und das neue Ziel heisst: So viel wie möglich sehen, und so weit laufen wie einen die Füsse tragen. Das klappt auch ganz gut, und auf den Fotos seht Ihr ein bisschen von dem Programm, das wir in einer Woche Japan absolviert haben.
Eine Hauptattraktion in Tokyo: Der Eingang zum Senjoji-Tempel
Der Tempel
Japanerin in traditionellen Gewändern
Tor zur Chinatown in Yokohama
Restaurant in Tokyo
Der zweitgrösste Buddha in Japan steht in Kamakura, südlich von Tokyo
auch Buddha braucht Schlappen: Größe XXL
Der Hase Tempel in Kamakura, seeeehr beeindruckend
jedem sein eigener Buddha
Yokohama by night
Shibuya (Tokyo) by night: der Time Square von Tokyo
Shinjuku, hier wird geshoppt was der Geldbeutel hergibt
Tokyo by night
und Tokyo by day
Fazit: Die Japaner scheinen die gastfreundlichsten Menschen der Welt zu sein. Die Mischung aus traditioneller und moderner Lebensweise ist beeindruckend, und wenn es unser Geldbeutel irgendwann zulässt, müssen wir unbedingt noch mehr Zeit im Land der aufgehenden Sonne verbringen!!

4 Kommentare:
Hallo Linda!
Ich platze mal wieder vor Neid. So ein Jungwissenschaftler-Leben hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt: Sushi, Sake und Karaoke TOLL! Naja, ich bin ja bescheiden geworden. Bin gerade fast im Himmel weil meine Süsse mal 30min schläft, was ich direkt dazu ausgenutzt habe, um zu sehen, was meine Mitmenschen denn so treiben. Gott sei Dank gibt es das Internet, so ist man hier nicht ganz weg von dem Leben als junge gestresste Jung-Mutter. Aber Japan sieht ja wirklich gut aus, auch wenn auf unserer nächsten großen Reise Australien steht. Aber da man nie wieder Japan so nah sein wird, kommt es auch definitif auf unsere to-do-list. Hier ist über Nacht der Herbst mit Regen und Sturm eingebrochen und ich kann es gar nicht glauben, dass ich jetzt meine tollen SSV-Sachen in den Schrank sperren muß. Die Chinesen wußten schon warum sie den Pool am 31.8 zu gemacht haben.Wir Dummen Langnasen hatten noch darüber gelästert aber die Chinamänner sind ganz schön clever. So die 30 min sind auch schon rum, meine Kleine schreit pünktlich nach einer neuen Windel. Schau-, auch dies hat manchmal seine spannende Seite, die aber sehr oft sehr gut versteckt ist. Linda, mach es gut und forsche, forsche, forsche.
Lan
Hallo Linda,
mit Freude habe ich Deinen (längst überfälligen!) Artikel 'aufgesaugt' und festgestellt, dass ich unbedingt nochmal nach Asien muss. Das Deiner Schwester beizubringen, können wir gemeinsam in ziemlich genau 5 Wochen versuchen.
Das Wetter bei uns ist nochmal rapide besser geworden (Tageshöchstwerte um die 28 Grad) uns so kann ich nachher auch um 21h noch bei sommerlich milden Temperaturen den SportScheck Nachtlauf durch die City Hannovers bestreiten... Während Deine Schwester übrigens an einer Bierbude auf dem Gelände ihres Arbeitgebers den 'Sozialtag' zelebriert...!!! ;-)
Ich hoffe, dass alles so kommt, wie geplant und - da der Aufenthalt in Japan ja überwiegend sponsored wurde - noch genügend AUS$ übrig sind, um den einen oder anderen Liter Benzin durch den Tank zu jagen...!?
Liebe Grüße an Stefan, den man schon lange nicht mehr auf diesem blog in Bildform gesehen hat...
Vielleicht geht ja mal wieder was zu Bruch, worüber er berichten kann!?
Bis bald aus dem kurze-Hose-tragenden Hannover,
Marcel
Moin Linda,
ja, ja da kann man ja nur neidisch werden! Gudi und ich nebst Nichte und Neffen sowie Anette und Stefan waren Sonntag bei strahlendem Sonnenschein endlich im Heidepark. Das war super, besonders Colossos, die größte und steilste Holzachterbahn der Welt war einfach Adrenalin pur!
Dies als kleinen Versuch auch ein wenig Neid zu erzeugen ;-).
Bis bald und bleibt munter!
Hägar
Hallo Linda,
wow, ich bin beeindruckt! Und sorry, aber Heidepark...no, das kann da einfach nicht mithalten ;)
Versuche euch morgen (sonntag) abend mal anzurufen, denn ich sitze bald schon auf gepackten koffern und freue mich!!!
glg
tina
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